Ein Jesuitenpater, der über Gebet, Heilige, Jesus und den Umgang der Kirche mit ausgegrenzten Menschen schreibt, erreicht heute ein ungewöhnlich großes Publikum. Dieser Artikel ordnet James Martin als Priester, Autor und kirchlichen Kommunikator ein, stellt seine wichtigsten Bücher vor und zeigt, welchen Nutzen seine Gedanken für christliche Gemeinschaften in Deutschland haben können.
Die wichtigsten Orientierungspunkte zu James Martin
- James Martin SJ ist ein US-amerikanischer Jesuit, Priester und geistlicher Autor.
- Seine Bücher verbinden ignatianische Spiritualität mit Alltag, Humor und persönlicher Erfahrung.
- Bekannt wurde er unter anderem durch My Life with the Saints und The Jesuit Guide to (Almost) Everything.
- Mit Building a Bridge und Outreach engagiert er sich für einen respektvollen Dialog mit LGBTQ-Katholiken.
- Für Gemeinden sind besonders seine Impulse zu Gebet, Unterscheidung und Zugehörigkeit interessant.

Wer James Martin SJ ist und wofür er steht
James Martin SJ ist ein amerikanischer Jesuitenpater, Schriftsteller und öffentlicher Vermittler katholischer Themen. Die Abkürzung SJ steht für „Societas Jesu“, also die Gesellschaft Jesu. Er verbindet sein priesterliches Wirken mit publizistischer Arbeit und gehört als Editor at Large zur Redaktion des Jesuitenmagazins America.
Sein Weg verlief nicht geradlinig vom Seminar zum Altar. Vor seinem Eintritt in den Jesuitenorden studierte er und arbeitete mehrere Jahre in der Wirtschaft. Gerade diese Erfahrungen mit Leistungsdruck, Hierarchien und beruflicher Unsicherheit prägen seine späteren Texte. Glaube erscheint bei ihm nicht als Sonderwelt, sondern als etwas, das sich im Berufsalltag, in Beziehungen und in schwierigen Entscheidungen bewähren muss.
Darüber hinaus ist Martin Gründer von Outreach, einem katholischen Angebot für LGBTQ-Menschen und ihre Angehörigen. Er war außerdem als Berater für das vatikanische Dikasterium für die Kommunikation tätig. Dabei handelt es sich um eine beratende Aufgabe, nicht um ein kirchliches Lehramt. Martin spricht also nicht automatisch für die gesamte katholische Kirche.
Was seine Spiritualität so zugänglich macht
Im Mittelpunkt steht die ignatianische Spiritualität. Sie geht auf den heiligen Ignatius von Loyola zurück und fragt danach, wie Menschen Gottes Wirken im eigenen Leben wahrnehmen und gute Entscheidungen treffen können. Ein wichtiges Werkzeug dafür ist die geistliche Unterscheidung. Gemeint ist die bewusste Prüfung, welche Gedanken, Wünsche und Wege langfristig zu mehr Freiheit, Frieden und Verantwortung führen.
Ich halte diesen Ansatz besonders für Menschen hilfreich, die mit frommen Floskeln wenig anfangen können, aber trotzdem nach Orientierung suchen. Martin erklärt Gebet nicht als Leistung, die man perfekt beherrschen muss. Er zeigt es eher als aufmerksames Gespräch mit Gott, das auch Zweifel, Ablenkung und Unsicherheit einschließt.
Sein Stil bleibt dabei persönlich und oft humorvoll. Heilige werden nicht als makellose Figuren dargestellt, sondern als Menschen mit Schwächen, Umwegen und überraschenden Berufungen. Das nimmt vielen Leserinnen und Lesern den Druck, bereits „fromm genug“ sein zu müssen. Zugleich besteht eine Grenze darin, dass persönliche Erzählungen nicht die gesamte kirchliche Tradition ersetzen können.
Welche Bücher den besten Einstieg bieten
Wer Martin kennenlernen möchte, sollte nicht einfach irgendeinen Titel auswählen. Seine Bücher verfolgen unterschiedliche Ziele. Manche erzählen von Heiligen, andere führen in das Gebet ein oder beschäftigen sich mit Jesus. Die folgende Auswahl erleichtert die Entscheidung.
| Werk | Schwerpunkt | Geeignet für |
|---|---|---|
| My Life with the Saints | Persönliche Erfahrungen mit Heiligen und geistlichen Vorbildern | Leser, die biografische Geschichten und Glaubenswege mögen |
| The Jesuit Guide to (Almost) Everything | Ignatianische Spiritualität für Alltag, Entscheidungen und Beziehungen | Einsteiger ohne große Vorkenntnisse |
| Jesus: A Pilgrimage | Betrachtung des Lebens Jesu verbunden mit einer Reise ins Heilige Land | Menschen, die Bibeltexte vertiefen möchten |
| Learning to Pray | Verschiedene Formen des christlichen Gebets | Personen, die eine verlässliche Gebetspraxis suchen |
| Building a Bridge | Respekt, Barmherzigkeit und Dialog mit LGBTQ-Katholiken | Gemeinden, die über Zugehörigkeit und Seelsorge sprechen wollen |
| Work in Progress | Memoiren über Arbeit, Berufung, Scheitern und geistliches Reifen | Leser, die den persönlichen Lebensweg des Autors verstehen möchten |
Für einen ersten Kontakt empfehle ich meist den Jesuiten-Ratgeber, weil er viele Themen bündelt und keine akademische Sprache voraussetzt. Wer stärker von biblischen Geschichten ausgeht, findet in Jesus: A Pilgrimage den besseren Zugang. Für einen Gesprächskreis kann My Life with the Saints besonders ergiebig sein, weil jedes Kapitel einen konkreten Anlass für persönliche Erinnerungen und Glaubensfragen bietet.
Warum der Jesuit in der Kirche unterschiedlich bewertet wird
Martin ist nicht nur wegen seiner Bücher bekannt, sondern auch wegen seiner öffentlichen Stellungnahmen. Er wirbt für einen Umgang mit LGBTQ-Katholiken, der von Respekt, Mitgefühl und Sensibilität geprägt ist. Sein Buch Building a Bridge wurde deshalb von manchen als wichtiger pastoral-theologischer Beitrag begrüßt, von anderen jedoch als zu weitgehend kritisiert.
Diese Spannung sollte man nicht künstlich auflösen. Martins Anliegen ist vor allem pastoral. Er fragt, wie Menschen in der Kirche angesprochen, begleitet und vor Beschämung geschützt werden können. Das bedeutet nicht automatisch, dass jede seiner Positionen mit der offiziellen Lehre der katholischen Kirche gleichzusetzen ist.
Aus meiner Sicht liegt hier ein häufiger Irrtum. Ein bekannter Priester ist nicht deshalb unfehlbar, weil er in Medien auftritt oder ein vatikanisches Beratungsamt innehat. Umgekehrt wird ein pastoraler Impuls nicht wertlos, nur weil er kontrovers diskutiert wird. Sinnvoller ist es, zwischen persönlicher Meinung, seelsorglicher Erfahrung und kirchlicher Lehre zu unterscheiden.
Gerade für Pfarrgemeinden kann diese Unterscheidung hilfreich sein. Ein Gespräch über Martins Texte sollte nicht in ein Lagerdenken führen. Besser ist die Frage, wie eine Gemeinde zugleich ihrem Glauben treu bleiben und Menschen mit Würde begegnen kann.
Was Gemeinden von seinen Ideen übernehmen können
Martins Bücher eignen sich nicht nur zur privaten Lektüre. Ich würde sie auch in einem kleinen Pfarrkreis einsetzen, allerdings mit einer klaren Struktur. Für eine Gruppe von 6 bis 10 Personen reicht ein Kapitel pro Treffen meist völlig aus. Mehr Stoff führt schnell dazu, dass die Teilnehmenden nur noch Inhalte abarbeiten.
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Ein einfacher Ablauf für den Gesprächskreis
- Zu Beginn liest jede Person einen kurzen Abschnitt, der besonders angesprochen oder irritiert hat.
- Danach bleiben einige Minuten für Stille, bevor die Diskussion beginnt.
- Die Gruppe fragt, was der Text mit dem eigenen Alltag und dem Gemeindeleben zu tun hat.
- Am Ende wird eine konkrete kleine Handlung vereinbart, etwa ein Besuch, ein Gebetsanliegen oder eine Einladung an jemanden, der sich am Rand der Gemeinde fühlt.
So bleibt Spiritualität nicht bei interessanten Gedanken stehen. Der eigentliche Wert liegt darin, dass aus Gebet eine Haltung und aus Haltung eine Handlung wird. Ein Gespräch über Barmherzigkeit ist wenig überzeugend, wenn niemand bereit ist, einem einsamen Gemeindemitglied Zeit zu schenken.
Für die Auswahl des Buches zählt die Zusammensetzung der Gruppe. Bei wenig Leseerfahrung ist ein erzählerischer Titel besser als ein anspruchsvoller theologischer Text. Bei einem bereits geübten Bibelkreis kann Jesus: A Pilgrimage neue Perspektiven eröffnen. Und bei Spannungen in der Gemeinde sollte man Building a Bridge nicht ohne Moderation einsetzen, weil persönliche Erfahrungen schnell sehr verletzlich werden können.
Was von seiner Sichtweise in der Gemeinde bleiben kann
James Martin steht für eine Form katholischer Öffentlichkeit, die Glauben, Alltag und menschliche Nähe miteinander verbindet. Seine Texte sind nicht für jede Frage die letzte Antwort, aber sie können einen guten Anfang bilden, besonders dort, wo Menschen neu beten lernen, über Berufung nachdenken oder ihren Platz in der Kirche suchen.
Für eine Pfarrei ist dabei weniger entscheidend, ob man jede Aussage übernimmt. Fruchtbarer ist die Haltung, die daraus entstehen kann: aufmerksam zuhören, Unterschiede aushalten, das Evangelium auf das wirkliche Leben beziehen und niemanden vorschnell auf seine Fehler reduzieren. Genau dort wird aus geistlicher Lektüre ein Beitrag zu lebendiger christlicher Gemeinschaft.
